








Indian Chieftain PowerPlus Dark Horse im Test
Was kann der 2026er Bagger aus den USA mit dem neuen 112CI V2?
Fotos: Motorradtest.de
Der entspannte Dampfhammer
Genau das ist ihr Ding. Sie ist kein nervöser Kurvenwetzer, kein filigranes Spielzeug und schon gar kein Bike für Leute, die beim Motorradfahren ständig an Rundenzeiten denken. Die Chieftain ist ein Bagger alter Schule im modernen Fitnessstudio-Outfit: groß, schwer, selbstbewusst, aber mit Technik und Leistung, die ziemlich klar machen, dass hier nicht nur Chrom und Pathos verkauft werden.
Der Star der Show ist natürlich der PowerPlus-112-Motor. 112 Kubikzoll, umgerechnet 1.834 Kubikzentimeter, wassergekühlt, mit 126 PS und rund 180 Newtonmetern Drehmoment. Auf dem Papier klingt das schon ordentlich. Auf der Straße fühlt es sich noch breiter an. Nicht unbedingt, weil die Chieftain bei jedem Gasstoß wie eine Rakete explodiert, sondern weil diese Kraft so gelassen anliegt. Du drehst am Gas, und der große V-Twin schiebt los, als hätte er gerade beschlossen, dass der Horizont ein bisschen näher rücken darf. Kein Drama, kein hysterisches Kreischen, einfach Druck. Viel Druck.

Farbauswahl der Indian Chieftain PowerPlus
Erster Eindruck: Mehr Sofa-Rocker als Showbike
Optisch macht die Chieftain PowerPlus 112 sofort klar, wo sie herkommt. Lange Linie, tiefe Sitzposition, große Seitenkoffer, breite Verkleidung, wuchtiger Tank. Das Ding hat Präsenz. Aber im Gegensatz zu manchen klassischen US-Cruisern wirkt sie nicht nostalgisch bis zum Stillstand, sondern eher wie ein alter Rocksong mit neuem Basslauf. Die Form bleibt vertraut, aber die Details sind moderner, kantiger und etwas sportlicher. Besonders die Gabelverkleidung gibt ihr diesen typischen Bagger-Look, der irgendwo zwischen Highway-König und Wochenend-Fluchtfahrzeug liegt.
Abmessungen und Sitzprobe
Beim Aufsteigen merkt man natürlich sofort: Das ist kein Leichtgewicht. Je nach Ausstattung liegt die fahrfertige Masse um die 382 Kilogramm. Klingt nach „bitte nur mit Rangierhelfer“, ist aber in der Praxis weniger einschüchternd, als die Zahl vermuten lässt. Die Sitzhöhe ist angenehm niedrig, der Schwerpunkt wirkt gut kontrollierbar, und sobald die Chieftain rollt, verschwindet ein großer Teil der Masse im Hintergrund. Im Stand will sie respektvoll behandelt werden. In Bewegung wird sie überraschend handlich für ein Motorrad dieser Liga.
Technik: Der Cowboy hat jetzt Radar
Die Chieftain PowerPlus 112 ist kein puristischer Eisenhaufen. Unter der klassischen Bagger-Silhouette steckt ein ordentliches Elektronikpaket. Dazu gehören schräglagenabhängiges ABS & Traktionskontrolle, verschiedene Fahrmodi, Berganfahrhilfe, ein elektronisch gekoppeltes Bremssystem und je nach Markt beziehungsweise Ausstattung auch radarbasierte Helfer wie Totwinkelwarnung, Abstandswarnung nach hinten und Kollisionswarnung. Das klingt erst mal nach Auto auf zwei Rädern, funktioniert aber angenehm unaufdringlich. Die Systeme sind nicht dazu da, einem das Fahren abzunehmen, sondern sie halten sich im Hintergrund bereit, falls der entspannte Highway-Moment plötzlich weniger entspannt wird.
Das große 7" TFT Touch-Display mit Ride Command ist ebenfalls ein Pluspunkt. Navigation, Bluetooth, Fahrdaten, Musiksteuerung – alles ist da, und vieles lässt sich intuitiv bedienen. Auf so einem Motorrad ist Infotainment nicht nur Spielerei. Wer lange Strecken fährt, will wissen, wo es langgeht, welche Musik läuft und wie weit der Tank noch reicht. Der 22,7-Liter-Tank passt gut zum Reisezweck, auch wenn der Verbrauch bei beherzter Fahrweise natürlich nicht auf Roller-Niveau fällt. Aber mal ehrlich: Wer sich eine Chieftain PowerPlus 112 kauft, hat wahrscheinlich nicht den Spritsparrekord im Kopf.
Endschalldämpfer der Chieftain Powerplus. Dumpfes V2 Gegrummel inklusive.
Motor: Der V-Twin mit Fitnessstudio-Abo
Der PowerPlus 112 ist der Grund, warum man dieses Motorrad nicht einfach nur als gemütlichen Cruiser abhaken sollte. Klar, untenrum bollert er souverän, und bei entspanntem Tempo kann man ihn schön schaltfaul fahren. Aber wenn man die rechte Hand etwas bestimmter bewegt, kommt da eine zweite Persönlichkeit zum Vorschein. Der Motor hängt sauber am Gas, dreht für einen großen V-Twin erstaunlich willig hoch und verliert auch im oberen Bereich nicht sofort die Lust. Das ist nicht dieser urige „einmal tief einatmen und dann gemütlich drücken“-Charakter, sondern ein moderner, kräftiger, ziemlich wacher Antrieb.
Besonders lässig ist, wie wenig Aufwand man für zügiges Vorankommen betreiben muss. Landstraße, sechster Gang, Lücke voraus: kurz am Gas ziehen, und die Chieftain marschiert. Wer es eiliger hat, schaltet einen Gang runter und bekommt sofort dieses breite Grinsen unter den Helm. Die 126 PS müssen schließlich eine Menge Motorrad bewegen, aber sie wirken nie überfordert. Der Motor ist nicht bloß stark, er passt auch zum Charakter des Bikes. Er macht die Chieftain souverän, aber nicht steril. Kraft ist immer da, Sound ist da, Vibrationen sind da – aber alles in einer Dosis, die mehr nach Charakter als nach Nervfaktor schmeckt.
Natürlich darf man keine Sportbike-Drehfreude erwarten. Trotzdem fühlt sich der PowerPlus moderner an als viele klassische Cruiser-Triebwerke. Die Wasserkühlung, die obenliegende Nockenwelle und die elektronische Abstimmung sorgen dafür, dass das Aggregat nicht nur auf Stammtisch-Zahlen setzt. Es läuft kultiviert, zieht kräftig durch und wirkt auch bei längerer Belastung nicht angestrengt. Kurz gesagt: Der Motor ist das Herzstück der Chieftain, und dieses Herz pumpt mit Nachdruck.
V2-Motor der Chieftain. Bitte gehen Sie auseinander!
Fahrverhalten: Schwer, aber nicht behäbig
Das vielleicht größte Kompliment an die Chieftain PowerPlus 112 ist, dass sie sich nicht so fährt, wie ihre Masse vermuten lässt. Ja, in engen Kehren merkt man Gewicht und Länge. Ja, beim langsamen Wenden auf schrägem Parkplatz will man keinen Helden spielen. Aber auf normalen Straßen, mit etwas Tempo und sauberem Blick durch die Kurve, wirkt die Indian erstaunlich kontrolliert. Die Verkleidung sitzt an der Gabel, was dem Lenkgefühl einen anderen Charakter gibt als bei der Challenger mit rahmenfester Verkleidung. Die Chieftain wirkt direkter, ein bisschen klassischer und mehr wie das, was viele unter einem echten Bagger verstehen.
In schnellen Bögen liegt sie satt, stabil und vertrauenerweckend. Man sitzt tief im Motorrad, nicht oben drauf, und das gibt sofort dieses Gefühl von Kontrolle. Der Lenker liegt gut in der Hand, die Fußposition ist entspannt, und die Maschine lässt sich mit ruhigen Impulsen sauber dirigieren. Sie will nicht hektisch geworfen werden. Sie mag klare Ansagen. Wer sie mit Gewalt in Kurven prügelt, kämpft mit der Physik. Wer sie flüssig fährt, bekommt ein erstaunlich rundes Erlebnis.
Die Schräglagenfreiheit liegt bei etwa 31 Grad. Das ist für einen großen Bagger ordentlich, aber natürlich nicht grenzenlos. Irgendwann melden sich die Trittbretter, und dann weiß man: Okay, genug Enthusiasmus, zurück zum Stil. Doch genau das passt zum Motorrad. Die Chieftain animiert nicht dazu, jeden Kreisverkehr als Rennstrecke zu betrachten. Sie belohnt stattdessen sauberes, rhythmisches Fahren. Und wenn die Straße weit wird, der Asphalt offen vor einem liegt und der V-Twin im Bauch arbeitet, dann fühlt sich dieses Motorrad ziemlich genau richtig an.
Brembo-Bremsen an der Chieftain. Ordentliche Bremskraft und integrales Bremssystem.
Fahrwerk und Bremsen: Mehr Kontrolle als erwartet
Vorn arbeitet eine kräftige Upside-down-Gabel, hinten ein einzelnes Federbein mit hydraulischer Vorspannung. Das Setup ist komfortabel, aber nicht schwammig. Kleine Unebenheiten werden lässig weggebügelt, größere Schläge kommen natürlich durch, aber insgesamt wirkt die Abstimmung gelungen. Die Indian ist eher Langstrecken-Lounge als Kurvenmesser, aber sie liegt nicht wie ein Wasserbett auf der Straße. Gerade auf welligem Asphalt bleibt sie stabil und vermittelt genug Rückmeldung, um Vertrauen aufzubauen.
Bei den Bremsen setzt Indian auf Brembo-Komponenten mit Doppelscheibe vorn. Und das ist auch nötig, denn knapp vier Zentner wollen im Zweifel eingefangen werden. Die Anlage packt ordentlich zu, lässt sich gut dosieren und wirkt auch bei flotterer Gangart souverän. Das elektronisch kombinierte Bremssystem hilft dabei, die Verzögerung stabil zu verteilen. Man merkt: Hier wurde nicht nur ein starker Motor in ein großes Motorrad gehängt. Die Peripherie kann mit der Leistung umgehen.
Komfort: Genau hier fühlt sie sich zuhause
Die Chieftain ist gemacht für lange Tage. Der Sitz ist bequem, die Ergonomie entspannt, der Windschutz durch die elektrisch verstellbare Scheibe praxisnah. Je nach Körpergröße findet man recht schnell eine Position, in der der Fahrtwind gut über den Helm oder zumindest angenehm um ihn herumgeleitet wird. Die verstellbaren Lüftungselemente in der Verkleidung helfen, an warmen Tagen nicht komplett im eigenen Mikroklima zu schmoren.

Die Koffer sind fest integriert, abschließbar und bieten genug Platz für Wochenendgepäck. Wer wirklich auf große Tour geht, wird vielleicht noch Zubehör nachlegen, aber für den normalen Reisealltag reicht das locker. Praktisch sind auch Keyless-Zündung, Tempomat, USB-Anschluss und die Zentralverriegelung der Koffer. Das sind Kleinigkeiten, die im Alltag schnell selbstverständlich wirken. Genau daran merkt man, dass die Chieftain nicht nur fürs Posieren vor dem Diner gedacht ist. Sie will bewegt werden. Weit bewegt.
Das Audiosystem passt ebenfalls zur lässigen Grundidee. In der Basis sind zwei Lautsprecher mit insgesamt 100 Watt an Bord, mit PowerBand-Audio wird es deutlich kräftiger. Braucht man Musik auf dem Motorrad? Puristen sagen nein. Chieftain-Fahrer sagen: Dreh mal auf. Und tatsächlich passt ein guter Rocksong bei 100 km/h Landstraße ziemlich perfekt zu diesem Bike. Man muss es nicht mögen, aber man versteht sofort, warum Indian es anbietet.
Fast wie im Auto: Stereo-Anlage und breites "Armaturenbrett" mit zwei analogen Uhren und Navi & Co.
Alltag: Zwischen Luxusliner und Muskelbike
Im Alltag zeigt die Chieftain zwei Seiten. Auf der einen Seite ist sie komfortabel, stabil, stark und überraschend leicht zu fahren, solange Platz da ist. Auf der anderen Seite bleibt sie ein sehr großes Motorrad. Enge Innenstädte, volle Parkplätze und hektischer Stop-and-go-Verkehr sind nicht ihr Lieblingsrevier. Die hintere Zylinderabschaltung hilft bei Hitze und Standphasen, aber aus einem großen V-Twin-Bagger wird dadurch kein City-Scooter. Wer täglich durch enges Gewusel muss, sollte das ehrlich bedenken.
Sobald die Straßen aber größer werden, dreht sich das Bild. Bundesstraße, Autobahn, lange Landstraßenetappe, Wochenendtrip: Hier spielt die Indian ihre Stärken aus. Sie läuft stabil geradeaus, lässt sich mit Tempomat entspannt bewegen und hat genug Reserven, um Überholmanöver ohne große Planung abzuhaken. Dabei bleibt sie immer ein Motorrad mit Charakter. Man spürt den Motor, man hört den Motor, man weiß, dass man auf etwas Besonderem sitzt. Sie ist nicht perfekt glattpoliert, und genau das macht einen großen Teil ihres Reizes aus.
Cool - zwei Top-Loader Koffer mit Zentalverriegelung.
Für wen passt die Chieftain PowerPlus 112?
Dieses Motorrad ist für Leute, die Cruiser-Feeling wollen, aber keine Lust haben, bei der Leistung im Gestern zu leben. Für Fahrerinnen und Fahrer, die lange Strecken lieben, gern bequem sitzen, Wert auf Stil legen und trotzdem ein modernes Fahrwerk, starke Bremsen und ein dickes Elektronikpaket schätzen. Wer den luftgekühlten Nostalgie-Vibe sucht, findet bei Indian weiterhin andere Modelle. Die PowerPlus 112 ist die modernere, druckvollere und technischere Interpretation des amerikanischen Baggers.
Nichts ist sie für Menschen, die jedes Kilo zählen, gern superagil durch enge Serpentinen tanzen oder ein möglichst günstiges Motorrad suchen. Die Chieftain ist groß, teuer, durstig, wenn man sie fordert, und sie braucht Platz. Aber sie liefert dafür auch ein Erlebnis, das kleinere und vernünftigere Motorräder so nicht bieten. Sie ist ein Statement auf Rädern, aber kein hohles. Hinter der Show steckt Substanz.
Fazit: Großes Kino mit breitem Lenker
Die Indian Chieftain PowerPlus 112 ist ein ziemlich überzeugender Mix aus klassischem Bagger-Gefühl und moderner Performance. Sie sieht mächtig aus, fährt sich aber deutlich souveräner, als ihre Dimensionen erwarten lassen. Der neue PowerPlus-112-Motor ist das Highlight: stark, kultiviert, drehfreudiger als gedacht und immer lässig genug, um nicht angestrengt zu wirken. Dazu kommen guter Komfort, sinnvolle Technik, kräftige Bremsen und ein Fahrwerk, das mehr kann als nur geradeaus.
Sie ist nicht die vernünftige Wahl. Sie ist nicht klein, nicht billig und nicht unauffällig. Aber genau darum geht es bei ihr auch nicht. Die Chieftain PowerPlus 112 ist ein Motorrad für Leute, die unterwegs sein wollen, aber bitte mit Stil, Druck und einem fetten Grinsen. Ein Bike, das auf langen Straßen glänzt, beim Beschleunigen die Schultern breit macht und im Stand aussieht, als hätte es gerade den Parkplatz übernommen. Lässig? Absolut. Stark? Sowieso. Und als Testurteil bleibt: Wenn amerikanischer Bagger, dann bitte so modern, so kräftig und so selbstbewusst wie diese Indian.
Das Testbike hat uns Powersport-Nord zur Verfügung gestellt. Dieser Indian-Händler in Appen Nahe Hamburg stellt nicht nur die Bobber für Probefahren zur Verfügung gestellt, sondern auch andere Indian-Bikes sowie jede Menge ATVs.
Preis/Verfügbarkeit/Farben/Baujahre
- Preis: 34.390 €
- Verfügbarkeit: seit 2026
- Farben: Schwarz-Metallic mit Glitzer, Mattschwarz, Kreide


































